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Der
Dramatiker
Menander

BIOGRAFIE: Menander (griechisch Μένανδρος Ménandros, latinisiert und deutsch Menander; * 342/341 v. Chr. in Kephisia; † 291/290 v. Chr.) war ein griechischer Komödiendichter.
AKTUELLE PREMIEREN: 

 

DYSKOLOS - DER PESSIMIST DES MENANDROS
von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf
Hermes. Zeitschrift für classische Philologie, Band 11, S. 498–506

Welcher Philologe hätte nicht einmal von der Auferstehung der menandrischen Komödien geträumt, wem wäre nicht trotz aller Mahnungen des Verstandes ein Rest dieses Glaubens in kindlichem Gemüthe verblieben. Aber Mancher hatte wohl für unsere Generation die Hoffnung aufgegeben; denn dass die Zukunft mehr als ein Exemplar aus den Schulstuben Herculaneums wird aufsteigen sehen, das dürfen wir auch mit dem Verstande annehmen: nicht anders als die römische wird die campanische Jugend ihr Griechisch an Menandros gelernt haben. Aber sonst ist aus occidentalen Handschriften allerdings nichts zu erwarten; denn wenn auch die Scholastiker und Silentiare der justinianischen Zeit noch eine ganze Reihe Stücke wohl kennen[1], so schwindet doch mit ihrem Ausscheiden aus dem Schulunterrichte jede Spur einer Existenz der menandrischen Lustspiele so plötzlich und so räthselhaft, dass die Welt lange das Märchen von einem mönchischen Autodafé geglaubt hat, welches die flüchtigen Griechen den Humanisten des fünfzehnten Jahrhunderts aufgebunden haben. In der Schule aber kennt den Menander zuletzt die vita Fulgentii Ruspensis (cap. 1 der Ausgabe Lugdun. 1623[2]), wie mich Moriz Haupt gelehrt hat, als ich ihm gegenüber sehr unbegründete Hoffnungen [499] laut werden ließ, die bei mir, wie bei so vielen Studiengenossen vor der Romfahrt, Jacob Burckhardts Notiz über einen urbinatischen Menander wach gerufen hatte; auch sie hat mittlerweile ihre endgiltige Erledigung gefunden, und gewiss hatte Haupt recht, wenn er mir meine Träume störte: dennoch war damals schon dreißig Jahre ein Blatt Menander entdeckt, aber freilich in den Händen seines für heidnische Verse unempfänglichen Finders grade so verborgen, wie die Blätter des Hersfelder Ammian, die uns eben ein günstiges Geschick auch wider jedes besonnene Erwarten beschert, in ihren Actenbündeln. Vielleicht findet sich in Tischendorfs Nachlass noch die Originalcopie, vielleicht selbst das Original. Jedenfalls wollen wir glücklich sein, dass wenigstens eine Abschrift in sachverständige Hände gerathen ist, und in die Hände dessen, der dieses Schatzes vor allen Lebenden am meisten würdig war. Cobet hat sein unvergleichlicher Trefferblick auch hier nicht verlassen, er hat gefunden, was nur er finden konnte; aber die eigentliche Aufgabe, ein zusammenhängendes Verständniss der einzigen Scene eines neuattischen Lustspieles, die wir besitzen, hat er ungelöst gelassen. Trotzdem halte ich sie für lösbar; möge er selbst sehen, ob ich von ihm zu lernen verstanden habe.

Es wäre ein wunderlicher Zufall, wenn die beiden im letzten Hefte der Mnemosyne S. 285 abgedruckten menandrischen Versreihen zwei zusammenhangslose Bruchstücke, gar aus verschiedenen Komödien, wären. In Wahrheit schließen sie inhaltlich so nahe zusammen, dass die einfachste Annahme auch die wahrscheinlichste ist. Tischendorf hat ein Blatt gefunden, 24 Zeilen auf der Seite, aber die Vorderseite sehr unleserlich und so verrieben, dass die letzten fünf Zeilen völlig unkenntlich waren. Verblasst werden auch an den Stellen des Personenwechsels rothe Striche sein: denn dass dieser ganz unbezeichnet gewesen sei ist kaum glaublich; nur müssen die Striche innerhalb der Verse senkrecht gewesen sein, da kein Raum für wagerechte frei gelassen ist. Uebrigens hat Tischendorf in der Abschrift zum Theil unmögliche Buchstabenformen, wie das Ω statt ω gegeben, und auf seine Altersbestimmung ist natürlich geringer Verlass; schwerlich war die Handschrift älter als der euripideische Phaethon: sie ist zu fehlerhaft geschrieben.

Dass wir Menander vor uns haben hat Cobet glänzend erwiesen, indem er die beiden Schlussverse in dem Eingang eines [500] menandrischen Bruchstückes bei Klemens von Alexandreia Strom. VII 844 wiedererkannt hat. Aber den Namen des Stückes habe ich nicht ermitteln können; denn Meinekes Vermuthung, der eben jene Verse in den Δεισιδαίμων aufgenommen hat, ist zwar von Cobet angenommen[3], wird aber durch den Zusammenhang widerlegt, denn kein Abergläubischer tritt hier auf und nicht im Ernste soll gezaubert werden. Ich habe also oben einen Namen meiner Fabrik gesetzt, den man griechisch freilich mit Δύσκολος übersetzen kann; aber an das menandrische Stück gleichen Namens ist nicht zu denken, ich wollte nur den Charakter der Hauptperson, des Pheidias, bezeichnen. Diesen hat Cobet nicht erkennen können, weil ihm die pessimistischen Tiraden nicht geläufig sind; ein Deutscher müsste sich die Ohren mit der Watte einer vorgefassten Meinung verstopfen, wollte er in diesem Lamentieren über der Welt Schlechtigkeit nicht den ausgesprochensten Weltschmerz klingen hören; nicht etwa jenen heroischen Lebensüberdruss der dem Balsamsaft der Trauben und jeder höchsten Liebeshuld flucht, sondern den hochmodernen, sich in seiner Krankhaftigkeit brüstenden, der mit der coquetten Weltverachtung ein recht bequemes Genussleben und untadelhafte Toilette zu verbinden weiß. Dieses Schlages ist unser Held Pheidias. Wir hören ihn poltern, gegen Wein und Weiber, nicht ohne wohlgefällige Detailmalerei, wo es die Nachtseiten des Lebens zu schildern gilt. Und sehr nah geht ihm dieser Schmerz um die schlechteste aller möglichen Welten; er klagt, wie er in tiefem Sinnen darüber die kummervollen Nächte auf seinem Bette zubringe; ganz wie Euripides liebeskranke Phaidra vorgiebt ἤδη ποτ’